Was tun gegen ein langweiliges, eingeschlafenes Sexleben? Das fragte sich Charla Muller aus North Carolina. Der Erfahrungsbericht ihres Selbstversuches stürmte nicht nur die amerikanischen Bestsellerlisten, auch in Deutschland sorgt das Buch 365 Nächte: Ein intimer Erfahrungsbericht für einiges Aufsehen. Doch war das Sexperiment wirklich ein Erfolg?

Der Weg zu mehr Lust

Nach acht Jahren Ehe war das Liebesleben von Charla und Brad dem Alltag zum Opfer gefallen. Sex wurde immer seltener und gerade Charla verlängerte gerne mal ihre abendliche Badezimmer-Orgie, bis Brad eingeschlafen war. Neben Kindern, Haushalt und Job blieb nicht viel Zeit und Lust für das eheliche Liebesleben: Das Problem kennen viele Paare. Doch wie bringt man wieder Schwung ins Schlafzimmer? Dazu gibt es viele schlaue Tipps und Ratgeber. Charla beschloss, in die Offensive zu gehen und ließ sich etwas ganz Besonderes für ihren Mann einfallen: Zum vierzigsten Geburtstag schenkte sie Brad einen Gutschein, der ihm ein Jahr lang täglichen Sex mit ihr versprach. Sie meinte es wirklich ernst und so wurde ein strenges Regelwerk erstellt:

  • Nur im Fall einer schweren Erkrankung entfällt der tägliche Beischlaf - Kopfweh und Müdigkeit gelten nicht als schwere Erkrankung.
  • Abwesenheit schützt nicht vor Sex - wenn Brad auf Geschäftsreise ist, darf er die entgangenen Termine nachfordern.
  • Beide Partner müssen wach sein.
  • Der Sex muss zwischen 19 und 22 Uhr stattfinden, wenn die Kinder schon im Bett sind, die Hausfrau aber noch nicht zu müde ist.
  • Brad hat das Recht, auf Sex zu verzichten.

Das Ergebnis

Der erste Monat des Liebes-Marathons lief gut. Auch wenn Charla mal nicht so viel Lust hatte, fühlte sie sich nach dem Liebesspiel besser. Besonders schön war für sie, dass Brad so zufrieden und gut gelaunt war und sie wusste, dass das an ihr lag. Sie fühlte sich wieder attraktiver und begehrenswerter. Ihr Mann tat ihr öfter einen Gefallen und schleppte sogar gerne die Wasserkästen für sie in die Wohnung. Doch zwischen der Wäsche und dem Abwasch ist es schwer, jeden Tag Romantik und Leidenschaft zu entwickeln. Charla formuliert das so: "Die bittere Wahrheit nach sechs Monaten lautete, dass ich nicht die Energie hatte, mir irgendwelche großartigen romantischen Dinge einfallen zu lassen, um uns vom Nullachtfuffzehn-Sex ins Paradies der erdbebenartigen, ruhestörenden Wollust zu treiben."

Im Monat zehn des Jahresplans hat Charla eigentlich die Nase voll und fragt sich, wie sie ernsthaft auf "so eine blöde Idee" hatte kommen können. An Tag 305 macht Brad zum ersten Mal von seinem Recht Gebrauch, auf den Verkehr verzichten zu dürfen.

Nach Ablauf des Liebes-Marathons legt das Ehepaar erst einmal eine Sexpause von einer Woche ein. Charla zieht rückblickend das Fazit, dass ein Jahr täglicher Sex nicht nur anstrengend ist, sondern auch viel Disziplin, Durchhaltevermögen und eine gute Arbeitsmoral erfordert. Das Jahr habe ihrer Beziehung gut getan - sie und Brad seien sich wieder näher gekommen. Das allnächtliche Liebesspiel trage eben auch dazu bei, dass tagsüber mehr Harmonie untereinander herrsche. Das Paar stellt fest, dass auch mittelmäßig guter Verkehr der Beziehung gut tue und Sex selbst dann Spaß machen könne, wenn man kränkelt oder eigentlich die Steuererklärung erledigen müsste.

Die beiden erklärten ihr Experiment für erfolgreich abgeschlossen und pendelten sich bei einer jährlichen Sex-Quote von etwa 66 ein. Das liegt im oberen Durchschnitt amerikanischer Ehepaare und ist für die beiden dreimal so viel wie vor dem Sex-Jahr.

Die Lust ist beeinflussbar

Das ehrgeizige Ziel, jeden Tag miteinander zu schlafen, ist für das tägliche Leben nicht praktikabel, denn dabei bleibt irgendwann die Lust auf der Strecke. Und durchzuhalten ist das schließlich auch nicht bis in alle Ewigkeiten. Das Jahr von Charla und Brad scheint die absolute Obergrenze zu sein - er verzichtete etwa nach zehn Monaten zum ersten Mal. Doch an dem Konzept, ein eingeschlafenes Liebesleben durch einen Sex-Plan aufzupeppen, scheint etwas dran zu sein. Der Paartherapeut Friedhelm Schwiderski zum Beispiel glaubt, dass es sinnvoll sein kann, "sich nach einer langen Phase ohne Sex zu überwinden und eine bewusste Entscheidung im Kopf zu treffen, um die Gefühle wieder auf den Weg zu bringen. Das kann wie eine Initialzündung wirken."

Skeptische Stimmen, wie etwa die der britischen Sexualtherapeutin Paula Hall, gibt es jedoch auch. Hall meint: "Meine Befürchtung ist, dass Paare durch den täglichen Pflicht-Sex zwar funktionieren, dass aber durch den Sex die tiefgehenden Kommunikationsprobleme unter den Teppich gekehrt werden."

Die beste Lösung scheint demnach der goldene Mittelweg zu sein. Ein Sex-Plan, an den man sich also auch hält, wenn man eigentlich mal keine Lust hat, kann helfen, wenn er nicht zu übertrieben ist. Außerdem sollte die körperliche Liebe nicht die Kommunikation innerhalb der Partnerschaft ersetzen.

Autorin: Anne Bartel, Platinnetz-Redaktion