… mal wieder in Santiago

 

Gestern war ich mal wieder in Santiago … nein, nicht in Chile, obwohl ich da auch schon mal war (Febr.2008)… sondern in „unserem“ Santiago – mit vollem Namen Santiago de Los Caballeros. Es ist die zweitgrößte Stadt unserer Insel Hispaniola mit mehr als 1 Mio. Einwohnern. Dorthin muß man manchmal, um Dinge zu kaufen, die es hier direkt vor unserer Haustür an der Nordküste nicht gibt: z.B. einen Spiegel mit Ablage und Lampe(n) für das Badezimmer. Den hatten meine Feriengäste zerbrochen, faselten aber was von spektakulären Umständen einer plötzlichen Explosion. Nun gibt es ja immer mal wieder Mysteriöses, und es sollen ja insbesondere Spiegel zerbrechen, wenn ein nahestehender Mensch stirbt oder so… oder ein Erdbeben naht oder ein Hurrican oder ein Tsunami oder so was…

 

… aber in diesem Fall bewahrheitete sich gottseidank nichts von alledem.

 

Es ist eine recht beschwerliche Fahrt  über diese so genannte Carretera Touristica. die immer die Rusticana nenne. 80 km sind eigentlich ein Klacks … ja, aber nur auf deutschen Autobahnen oder Bundesstraßen… hier muß man sich 1 ½ Stunden lang durch unübersichtliche und unkoordinierte Kurven über die Berge schrauben – immer gewärtig, in einem der zahllosen breiten und  tiefen Löcher sein Auto zu Schrott zu fahren… oder zumindest mit einem Platten liegen zu bleiben. Einmal ganz davon abgesehen, daß da manche Fahrer meinen, allein auf der Welt zu sein und die Kurven auf Teufel-Komm-Raus schnippeln, daß einem Angst und Bange werden kann. Kinder, Kühe, Schweine, Pferde, Esel, Hühner tummeln sich mit besonderer Vorliebe ausgerechnet in diesen Kurven, als gäbe es keinen besseren Platz auf der Welt und als hätten sie das absolute Vorrecht auf dieser Straße…. ich denke dabei immer an die Wildnis in Afrika, wo man öfter mal  lesen kann: „Animals have the Right of Way“

 

…und jetzt kommt das Komische: ich liebe diese Straße …

sie ist so romantisch und so typisch dominikanisch. Die bergige Landschaft mit ihrer üppigen Vegetation ringsumher gibt hie und da grandiose Ausblicke auf den Atlantik frei… die pittoreske Szenerie der kleinen, in allen erdenklichen Farben angemalten Häuschen am Wege, die liebevoll angelegten Gärtchen, die Blumen, die blühenden Bäume, die bunte Wäsche auf den Zäunen…und jetzt blühen die Christsterne an den baumhohen Büschen: ihr samtiges, leuchtendes Rot liefert einen Grund mehr, zu dieser Jahreszeit diese Route nach Santiago zu wählen.

Nach anhaltenden Regengüssen ist an verschiedenen Stellen mit massivem Erdrutsch und Steinschlag zu rechnen, die die Straße unpassierbar machen können. Es kann vorkommen, daß man auf halbem Wege unverrichteter Dinge umkehren muß: Hinweis- oder Warnschilder – Fehlanzeige.

Es war schon mehrere Tage trocken und so konnte ich es wagen. Am Eingang der Carretera gibt es einen Militärposten, der darüber wacht, daß keine LKWs passieren, denn für sie ist die Straße gesperrt – von Sondergenehmigungen für kleinere Lieferwagen mal abgesehen. Dort frage ich auch regelmäßig, ob auf der Carretera alles o.k. ist und freie Durchfahrt besteht. Denn ohne Anfrage wird man nicht gewarnt - selten jedenfalls.

 

Diesmal wollten sie mir dort zwei Dominikanerinnen als Mitfahrerinnen aufs Auge drücken, aber ich lehnte freundlich ab, obwohl das ganz nett aussehende junge Frauen waren. Wäre ich nicht allein gewesen – ja, warum auch nicht !? Aber was, wenn die aus ihren niedlichen Handtäschchen ein Messer herausziehen und mir an die Kehle halten? Dann dampfen die mitten in der Wildnis in meinem Auto ab … mit meiner Handtasche, meinen Papieren, meinem Geld … nein, danke…schade, daß man leider so misstrauisch sein muß heutzutage… sogar auch Frauen gegenüber.

Der Einkauf gestaltete sich nicht so einfach, wie erwartet. Dort wo ich früher immer bestimmte Dinge gekauft hatte, gab es sie plötzlich nicht mehr … ich legte mir verschiedene Notlösungen zurecht, hatte auch schon ein kleines schwenkbares und gottseidank nur 12 Euro teures Halogenlämpchen gekauft, als ich dann doch noch und ganz unerwartet in einer kleineren Ferreteria ( eine Art Baumarkt) genau vor der Kombination von Spiegel, Ablage und 2 Lämpchen stand, die ich gesucht hatte …  und das Ganze für knappe 19 Euro … was will man mehr.

 

Als ich auf den Parkplatz zu meinem Auto zurückkehrte, lud neben mir ein Domi seinen Einkauf in seinen Kofferraum und sang dabei mein Lieblingslied „Cielito Lindo“. Ich kannte ja jetzt auch den Text so einigermaßen – dank der Platiner, die mich damit versorgt hatten – und stimmte zu seiner Verwunderung trällernd ein.  Wir sangen nun fröhlich im Duett, und er fragte dann, ob ich Amerikanerin sei.

„No, yo soy Alemana“, entgegnete ich, und er lachte und schien sich zu freuen. Deutsche sind ja ziemlich beliebt hierzulande. Ob ich denn hier Ferien machen würde, wollte er wissen. Als ich ihm dann erzählte, daß ich schon seit 10 Jahren eine Residenta feliz sei, meinte er, daß ich doch dann schon eine halbe Dominikanerin sei.

„Klar! Mein halbes Herz ist dominikanisch und die andere Hälfte deutsch,“ gestand ich ihm … und er lachte vergnügt.

Er wollte noch wissen, ob ich viele Freunde hätte… und bedeutete mir, daß ich nun in ihm noch einen mehr hätte… „Gracias y chao , amigo“, rief ich ihm zu, fuhr lächelnd davon und sah im Rückspiegel, wie er lachend winkte.

 

Zurück mußte ich dann dreimal so vorsichtig fahren, um nicht mit fünf kleinen Spiegeln heimzukommen.  Unterwegs hielt ich aber noch an einem der vielen Obststände, um eine bestimmte, wunderbare, kleine Bananen-Sorte mit einem unvergleichlich intensiven Aroma  zu kaufen. Die gibt es nur in den Bergen, wie auch die Rulos – eine rötliche, etwas eckige, ebenfalls sehr wohlschmeckende Bananen-Sorte. Avocados und Orangen mußten auch noch in die Tüte …  und dann ab nach Hause. Ich war jetzt müde, hatte genug, die Füße taten mir weh: Santiago war anstrengend gewesen. Ich wollte schnellstens heim und wünschte mir nichts mehr, wie von Zauberhand sofort in meinen Liegestuhl katapultiert zu werden.

Doch es kommt ja immer anders und zweitens…

Vor mir fuhr auf der schmalsten und kurvigsten Strecke dieser Bergstraße ein hinten offener Pick up – hier Camionetta genannt. Der Humor darf einem in diesem Land niemals abhanden kommen -  auch nicht, wenn man noch so müde ist. Denn man höre und staune: auf der Camionetta war ein Sofa quer befestigt, das rechts und links um so einiges herausragte. Auf dem Sofa saß die ganze Familie des Fahrers, und die fröhlich lachenden und winkenden Kinder schafften es, daß auch ich lachen und zurückwinken mußte… … und das so etwa eine halbe Stunde lang im Schneckentempo. Überholen? Ja, wie denn ? Ich mußte abwarten, bis wir an eine breitere Stelle der Carretera gelangten…  dann zog ich freundlich hupend und winkend und lächelnd vorbei… und die ganze Familie erwiderte mit überschwenglicher Begeisterung meine Grüße…. und was, wenn auf der anderen Seite Gegenverkehr kommt an so einer schmalen Stelle ? Keine Ahnung… es war jetzt nicht mehr mein Problem… ich war jedenfalls - gerade mal so – aber doch noch vor Dunkelheit zu Hause… und mit heilem Spiegel  … das allein zählte für mich und sonst gar nichts…. eine fast schon typisch dominikanische Denke? Mag ja sein…

 

©Alexa Rostoska  Nov.2009